Jubiläumskongress der SDH mit ungewöhnlichen Themen

 

Die Swiss Dental Hygienists sind eine 40-jährige Erfolgsgeschichte. Mit dem 20th International Symposium on Dental Hygiene 2016  in Basel, folgt der nächste Höhepunkt.

Sichtlich stolz auf die geleistete Arbeit eröffnete Cornelia Jäggi, Zentralpräsidentin der SDH den Jahreskongress vom 13. bis 14. November in St. Gallen. Über 1‘100 Dentalhygienikerinnen, darunter auch ein paar Männer, kamen in die Ostschweiz um zu hören, was die Organisatorinnen unter dem Motto "Posibilities and Limits“ an Referaten vorbereitet hatten. Es hat sich gelohnt. Nicht nur weil Referenten wie Prof. Dr. Thierry Carrel, weltbekannter Direktor der Universitätsklinik für Herz- und Gefässchirurgie des Inselspital Bern aus seiner Arbeit berichtete, sondern Themen präsentiert wurden, die den Horizont der Zuhörerinnen erweiterten. Auf den zweiten Blick hatten alle Themen einen Zusammenhang mit der Aufgabe einer DH oder hatten einen Einfluss darauf. Wie wichtig die Zahn- oder Mundgesundheit für die Lebensqualität ist wurde anschaulich gezeigt.

St. Gallen auch eine Stadt der Mode
Thomas Scheitlin, Stadtpräsident St. Gallen, begrüsste die „Damen und wenigen Herren“. In wenigen Worten brachte er die Stadt und ihre Vorzüge zur Geltung. Dies war relativ einfach, zieren doch St. Galler Stickereien die Roben bekannter First Ladies und Schauspielerinnen.

Innovative Technologienin der Herzchirurgie
„Kaiserin Sissi hätte heutzutage das Attentat vom 10. September 1898 in Genf überlebt“. Plastischer könnte man den Fortschritt in der Herzchirurgie nicht beschreiben. Wir behandeln Patienten von 700 Gramm bis 90 Jahre, so Prof. Carrel. Die Entwicklungen in der Medizin stellen Ärzte, Ökonomen, Juristen, Politiker aber auch Patienten vor grosse Herausforderungen. Sie zwingen zum Entscheid, welche Leistungen erbracht werden sollen und welche Entwicklungen finanziert werden können. Das KVG verlangt von diagnostischen und therapeutischen Interventionen Wirtschaftlichkeit, Zweckmässigkeit und Wirksamkeit: das ist gut so. Aber die zunehmende Ökonomisierung birgt die Gefahr, gute Medizin zu verhindern, da die Behandlung nicht unbedingt nach dem besten Resultat, sondern "nach dem optimalen Ertrag ausgerichtet“ wird. Herzchirurgie ist nicht nur „Medizin“ sondern auch Ingenieurskunst auf allerhöchstem Niveau. Dies zeigt sich zum Beispiel an der Informatisierung eines Eingriffs. Von der Diagnose über die Planung bis zur Nachsorge oder am Beispiel einer Herz-Lungen-Maschinen aus den Anfängen in den 50iger und 60iger Jahren im Vergleich zu heute.   

Update Endokarditis-Prophylaxe
Prof. Dr. med. Hans Rickli, Chefarzt Kardiologie am Kantonsspital St. Gallen, sprach ein Thema an, das auch an zahnärztlichen Kongressen diskutiert wird.

Sollen Patienten mit Endokarditis-Risiko vor Zahneingriffen Antibiotika erhalten oder nicht? Als Standardvorsorge galt über 50 Jahre die prophylaktische Gabe von Antibiotika vor allen zahnärztlichen Eingriffen. Da diese Massnahme schlecht mit Daten belegt war, empfehlen die Richtlinien der Amerikanischen und der Europäischen Herzgesellschaften, seit einigen Jahren, die Antibiotika-Prophylaxe nur noch bei Hochrisiko-Patienten.

Eine Studie aus England gibt aber Anlass zur Sorge: Seit der strikten Abkehr von der Antibiotika-Prophylaxe in England, sind die Endokarditis-Raten gestiegen, wie eine Studie der Universität Sheffield zeigt. Eine gewisse Endokarditis-Gefahr lauert beim Zahnarzt oder beziehungsweise in der Mundhöhle: Gemäss verschiedener Studien werden in bis zu 45% der Herzklappenentzündungen Streptokokkus viridans aus der Mundhöhle verantwortlich gemacht.

Neue Risikopatienten durch neue Medikamente
Risikopatienten in der zahnärztlichenPraxis waren bis anhin Patienten mit Grunderkrankungen wie Diabetes mellitus, koronare Herzkrankheit, Asthma etc., so Prof. Dr. Dr. J. Thomas Lambrecht, UZM Basel. Es entwickeln sich aber durch Überernährung, Alkohol, Nikotin und Drogen Erkrankungen, welche im Prinzip gesunde Patienten zu Risikopatienten machen.

Trotzdem nimmt die Lebenserwartung zu. Jeder will lange leben, aber nicht älter werden.Fast alle Medikamente haben unerwünschte Wirkungen, die unter Umständen zu weiteren Erkrankungen führen und damit die Patienten auch in der zahnärztlichen Praxis zu Risikopatienten werden lassen. Klassisches Beispiel sind die Bisphosphonate, welche Risiken im Knochenstoffwechsel der Kiefer induzieren, aber auch Angiogenetika, welche das Gefässwachstum in Tumoren verhindern sollen.

Die klassischen Antikoagulantien wie Aspirin, Heparin und Marcoumar werden mit neuen Substanzen ergänzt. Die Risikoeinschätzung dieser Medikamente hat sich in der Zahnmedizin im letzten Jahrzehnt gewandelt.

In der Infektionsprophylaxe und -therapie stehen Antibiotika nach wie vor an erster Stelle. Probleme beim Umgang mit diesen Medikamenten haben zur Entwicklung multiresistenter Keime geführt. Die Anzahl der mit diesen Keimen infizierten Patienten nimmt zu, auch in der zahnärztlichen Praxis.

Die häufigsten Schilddrüsenprobleme im Alltag
Die Funktionsstörungen der Schilddrüse gehören zu den häufigsten endokrinologischen Problemen in der Hausarztpraxis. Dr. med. Andreas Rohrer-Theus, Facharzt für Endokrinologie/Diabetologie aus Chur, erklärte Symptome und Therapie. Da Frauen häufiger (Verhältnis 4:1) von einer Hypothyreose (Unterfunktion der Schilddrüse) oder Hyperthyrose (Überfunktion) betroffen sind als Männer (Verhältnis 5:1), stiess sein Vortrag auf grosses Interesse der Zuhörerinnen, gehörten diese auch zu der am meisten betroffenen Altersgruppe

Chronisch entzündlicheDarmkrankheiten und deren Auswirkungenauf die Mundhöhle
Mit Spannung wurde der letzte Vortrag des ersten Tages erwartet. Prof. Dr. med. Dr. phil. Gerhard Rogler, Universitätsspital Zürich, stellte den Morbus Crohn (CD) in den Vordergrund. Diese, durch eine granulomatöse Entzündung gekennzeichnete Darmerkrankung kann alle Abschnitte entlang des Magen-Darm­ Traktes vom Mund bis zum Anus betreffen, ist jedoch am häufigsten im Bereich des Endabschnittes des Dünndarmes (terminales Ileum) lokalisiert.

Morbus Crohn tritt etwa bei 1 bis 4 Personen pro 100'000 Menschen pro Jahr neu auf. Von Morbus Crohn und Colitis ulcerosa der zweiten entzündlichen Darmerkrankung sind weltweit etwa 1 Million Menschen betroffen - in der Schweiz etwa 15'000 bis 20'000. Beim Morbus Crohn sind Läsionen in der Mundhöhle zu beobachten. Die Krankheit tritt zum ersten Mal häufig im jungen Erwachsenenalter auf. Orale Läsionen als klinisches Zeichen wurden erstmals im Jahr 1969 von Dudeney beschrieben. In verschiedenen Untersuchungen schwankt die Häufigkeit zwischen 0,5% bis 30%.

In Untersuchungen der Swiss IBD (lnflammatory Bowel Disease) Cohort Study fanden sich eine Gingivitis und Parodontitis bei IBD Patienten häufiger als bei gesunden Kontrollprobanden. Eine perianale Erkrankung (z.B. mit Fisteln) war ein Risikofaktor für

Parodontitis. Bei Nichtrauchern verringerte sich das Risiko für eine Parodontitis. Es bestand interessanterweise keine klare Assoziation zwischen der klinischen Aktivität des Morbus Crohn (intestinal) und der Parodontitis. Orale Läsionen (z.B. orale Aphten) ausser

Parodontitis und Gingivitis waren nicht so häufig und wurden bei etwa 10% der Patienten mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen beobachtet. Der Vortrag regte Fragen an, dabei durfte das Buch „Darm mit Charme“ von Giulia Enders nicht fehlen, „für uns Gastroenterologen ist es Segen und Fluch zugleich“. Viele Tabus würden angesprochen, anderseits häuften sich die Fragen in den Sprechstunden.

Rekonstruktionsprinzipien bei Gesichtsschädelfrakturen sowie tumorbedingten Defekten im Mund-, Kiefer- und Gesichtsbereich       
PD Dr. Dr. Claude Jaquiéry, leitender Arzt MKG-Chirurgie am Universitätsspital Basel, war der erste Redner am Samstag.

Jochbein- und Orbitafrakturen zählen zu den häufigsten Verletzungen. Meistens sind es stumpfe, niederenergetische Traumata, die zur Fraktur des Jochbeinkomplexes führen; der Jochbeinkomplex bleibt dabei als Einheit erhalten. Hochenergetische Traumata hingegen führen zu komplexen und irregulären Frakturmustern. Bei der Rekonstruktion des Gesicht-Schädels müssen die ursprünglichen Dimensionen wiederhergestellt werden.

Tumorerkrankungen der Mundhöhle und der Gesichtshaut entstehen häufig in Abhängigkeit
von Risikofaktoren (UV-Strahlung, Nikotin-, Alkoholabusus). Primäre Knochentumore sind vergleichsweise selten. Karzinome (epitheliale Tumore) werden meistens operiert, je nach Tumorstadium gefolgt von einer adiuvanten Behandlung (Radiotherapie, Chemotherapie). Die entstehenden Gewebedefekte könnten mit lokalen Lappenplastiken oder mikrochirurgisch anastomosierten Transplantaten versorgt werden. Seit kurzem werden auch aus Fremdmaterial bestehende Implantate (PEEK) verwendet.

Die Epithese zur Rehabilitation von Gesichtsversehrten
Der Vortrag von Peter Bucher, Epithetiker am Cranio-Facialen-Centrum der Klinik Hirslanden in Aarau, nahm Bezug auf den Vorredner. Schon früh wurde versucht, Gesichtsversehrten mit Hilfe von Epithesen das „Gesicht" zurückzugeben. Bereits im 16. Jahrhundert war die Epithetik eine bekannte Kunst. Sie beschränkte sich allerdings auf das blosse Wiederherstellen der äusseren Kontur aus Metall, Leder oder Papiermaché. Die Materialforschung entwickelte die heute in der Epithetik überwiegend eingesetzten Polymethylmethacrylat-Kunststoffe (PMMA) und Silikone.

Prothetik: Möglichkeiten und Grenzen der Rekonstruktionen
Pas de dents – pas de problèmes? Prof. Dr. Frauke Müller, CUMD, Genf, lobte die Arbeit der Dentalhygienikerinnen bei der Zahnpflege geriatrischer Patienten. Meistens erhalten diese ihre Vollprothesen in einem Lebensabschnitt, der bereits vom Alterungsprozess und häufig von chronischen Krankheiten geprägt ist. Die Rückbildung des Kieferkamms, fehlender Speichel und eine verminderte Motorik erschweren den Umgang mit einer Vollprothese. Ausserdem erweist sich die Einpassung einer neuen Prothese als Herausforderung, wenn die verminderte Neuroplastizität die Änderung von Reflexen und Bewegungsabläufen erschwert.

Implantate stellen eine valable Option dar, um die funktionalen Grenzen konventioneller Prothesen zu beheben. Trotz ermutigender Erfahrungen sind lmplantatrekonstruktionen nicht ohne Risiken, wenn der Patient seine Eigenständigkeit verliert und der Umgang mit den Prothesen zu komplex wird. Die Mund- und Zahnhygiene wird dann oft vernachlässigt und die Reaktion des periimplantären Gewebes ist noch kaum bekannt. Die Einatmung der Bakterienflora kann insbesondere bei Personen mit Dysphagie erfolgen und das kann zu Lungenentzündungen führen. Eine sorgfältige Mundhygiene, aber auch das Herausnehmen der Prothese in der Nacht, verringert dieses Risiko.

Organspende und Transplantation: Mythen, Irrtümer und Tatsachen
Prof. Dr. med. Guido Beldi, Leitender Arzt für Viszerale Chirurgie Inselspital, Bern, schilderte die Entwicklung der Transplantationsmedizin in der Schweiz. Die erste Nierentransplantation erfolgte 1963, die erste Herztransplantation 1969 und die erste Lebertransplantation 1983. Seither hat sich die Transplantationschirurgie zu einem standardisierten Verfahren entwickelt.

2014 wurden in der Schweiz 524 Organtransplantationen, 226 Stammzelltransplantationen und 1'092 Gewebetransplantationen durchgeführt. Nieren- (296) und Lebertransplantationen (111) stellten im vergangenen Jahr die häufigsten Eingriffe dar, während Pankreas (24), Herz (12) und Lunge (10) einen geringen Anteil ausmachten.

Trotz steigender Patientenzahlen auf den Wartelisten, nehmen Transplantationen nur sehr langsam oder gar nicht zu. Die Wartezeiten und die Todesfälle auf den Listen steigen weltweit und in der Schweiz.

Eine der grössten Herausforderungen der Transplantationsmedizin sind fehlende Organspenden. Obwohl alles versucht wird, die Bereitschaft zur Organspende zu steigern, bleibt der Erfolg bisher weitgehend aus. Alternative Behandlungsstrategien stehen im Mittelpunkt der Forschung, können jedoch die Organtransplantation bis heute noch nicht ersetzen. Das Referat regte zu vielen Fragen an.

Robotik von Millimetern zu Nanometern: Eine fantastische Reise
Simone Schürle, PhD, vom MIT in Cambridge und früher an der ETH Zürich, entführte die Zuhörerinnen in die Welt der Mikrorobotik und deren potentiellen Anwendungen in der Biomedizin. Sei es als Helfer in Studien, der Grundlagenforschung bis hin zu operativen Eingriffen. Für viele Herstellungsverfahren, von der Energieübertragung bis und zum Antrieb dieser kleinsten Systeme, dient die Natur als Vorbild. 

Sehen durch den Zahn: Die Osteo-Odonto-Keratoprothese
Das Thema von PD Dr. med. Konrad Hille, Chefarzt der Augenklinik am Ortenau-Klinikum DE-Offenburg überraschte viele.

Bei Patienten mit schweren Störungen des Oberflächenmilieus des Auges stösst die Rekonstruktion der Hornhaut durch eine Keratoplastik an Grenzen. In diesen Fällen kann versucht werden, das Sehvermögen durch eine künstliche Hornhaut (Keratoprothese) wieder herzustellen. Trotz Versuchen mit verschiedenen Materialien, modernster Technologie und biologischer Beschichtung, hat die vor über 50 Jahren durch Strampelli entwickelte Osteo-Odonto-Keratoprothese die besten Langzeitergebnisse.

Hierfür wird die Wurzel eines Zahns des Patienten zusammen mit dem umgebenen Kieferknochen entnommen. Die Zahnwurzel wird der Länge nach halbiert und ein Loch durch das Dentin und den angrenzenden Kieferknochen gebohrt. In diese Bohrung wird eine Plexiglasoptik mit dem Dentin verklebt. Das Implantat wird in bzw. auf die eingetrübte Hornhaut aufgenäht und mit einer Mundschleimhaut abgedeckt. Die zylindrische Optik wird dabei so implantiert, dass sie nach aussen durch die Schleimhaut und nach innen durch die Hornhaut in den Glaskörper ragt.

Seit über 20 Jahren wird die Osteo-Odonto-Keratsoprothese angewendet. Bei mehr als 40 Patienten beträgt die mittlere Nachbeobachtungszeit 8 Jahre, die längste 18 Jahre. Bei etwa 1/3 der Patienten beträgt das Sehvermögen 0,8 und besser, bei etwa 2/3 0,5 und besser (also Lesefähigkeit), mehr als 80% hatten eine für das tägliche Leben signifikante Verbesserung des Sehvermögens (sogenanntes „ambulatory vision"). Trotz vieler Versuche, eine künstliche Hornhaut herzustellen, ist die biologische Fixierung einer Keratoprothese über eine Zahnwurzel die bisher erfolgreichste Methode.

Dank und Einladung der Präsidentin
In Ihrem Schlusswort dankte Cornelia Jäggi allen Beteiligten vor und hinter den Kulissen für ihren Einsatz. Einen besonderen Dank richtete sie auch an die 57 Aussteller.

Vom 23. bis 25. Juni findet in Basel das „20th International Symposium on Dental Hygiene“ statt. Dazu werden mehrere Tausend Dentalhygienikerinnen aus aller Welt erwartet. Cornelia Jäggi rief ihre Berufskolleginnen dazu auf, sich schon bald anzumelden.

Text und Bilder: Johannes Eschmann, veröffentlicht in der Zahn Zeitung Schweiz, Dezember 2015